Inhaltsverzeichnis
- 1. Was ist Input Shaping? Die Mathematik der Schwingungskompensation
- 2. Ghosting, Ringing & Rippling: Warum entstehen Schattenmuster?
- 3. Kalibrierungsmethoden: Manueller Testdruck vs. ADXL345 Beschleunigungssensor
- 4. Die Shaper-Filter im Detail: MZV, ZVD, EI, 2HUMP_EI & 3HUMP_EI
- 5. Schritt-für-Schritt-Setup in Klipper, RepRapFirmware & Marlin
- 6. Beschleunigungswerte (Acceleration & Jerk) im Slicer richtig abstimmen
- 7. Relevanz für industrielle B2B-Prototypen & Serienfertigung
- 8. Häufig gestellte Fragen (FAQ)

1. Was ist Input Shaping? Die Mathematik der Schwingungskompensation
Im modernen FDM 3D-Druck steigen die Druckgeschwindigkeiten von früheren 50 mm/s auf bis zu 300–600 mm/s bei Beschleunigungswerten von 10.000 bis 25.000 mm/s². Bei derart abrupten Richtungswechseln geraten mechanische Komponenten wie Zahnriemen, Linearführungen und der gesamte Rahmen in Eigenschwingung.
Input Shaping (Resonanzkompensation) ist ein aktiver filterbasierter Regelungsalgorithmus in der Drucker-Firmware (z. B. Klipper, RepRapFirmware oder Marlin 2.1+). Anstatt eine Richtungsänderung als einfachen Rechteckimpuls an die Schrittmotoren zu senden, zerlegt der Shaper das Steuersignal in mehrere zeitlich phasenverschobene Teilimpulse. Der zweite Impuls erzeugt eine Gegenschwingung, die die durch den ersten Impuls ausgelöste Resonanz der Druckermechanik exakt auslöscht (destruktive Interferenz). Das Ergebnis: Maximale Beschleunigung ohne Bauteilvibrationen.
2. Ghosting, Ringing & Rippling: Warum entstehen Schattenmuster?
Werden Eigenschwingungen nicht kompensiert, überträgt sich das Nachschwingen des Druckkopfs direkt auf das flüssige Filament an scharfen Bauteilkanten. Auf den Wänden zeigen sich charakteristische Artefakte:
- Ringing / Ghosting: Wiederholte, abklingende Schattenwellen hinter Ecken, Bohrungen oder geprägten Buchstaben.
- Ecken-Wulst (Bulging): Materialaufbau an 90°-Umlenkpunkten durch Trägheitsabbremsung.
- Rippling: Feine vertikale Oberflächenstreifen entlang langer gerader Wände.
3. Kalibrierungsmethoden: Manueller Testdruck vs. ADXL345 Beschleunigungssensor
Um die exakte Resonanzfrequenz (in Hertz, Hz) Ihrer X- und Y-Achse zu ermitteln, gibt es zwei Wege:
| Methode | Genauigkeit | Vorgehensweise & Aufwand |
|---|---|---|
| Manueller Resonanzturm (Tuning Tower) | Mittel (±3 Hz) | Druck eines Testkörpers mit variabler Frequenz. Wellenabstand wird mit dem Messschieber ausgemessen und nach Formel berechnet. |
| ADXL345 / LIS2DW Beschleunigungssensor | Höchste Präzision (±0,1 Hz) | Automatisierter Frequenz-Sweep (1–130 Hz). Erstellt hochpräzise Resonanzdiagramme (PSD-Graphen) für X und Y in unter 2 Minuten. |
4. Die Shaper-Filter im Detail: MZV, ZVD, EI, 2HUMP_EI & 3HUMP_EI
Die Klipper-Firmware stellt verschiedene mathematische Filtertypen bereit, die jeweils einen Kompromiss zwischen Schwingungsdämpfung und Detailtreue (Glättung) darstellen:
- ZVD (Zero Vibration and Derivative): Geringste Glättung, sehr scharfe Ecken, dämpft jedoch nur ein schmales Frequenzband. Ideal für extrem steife CoreXY-Drucker.
- MZV (Modified Zero Vibration): Der Allround-Standard. Hervorragende Dämpfung bei minimalem Detailverlust. Erste Wahl für die meisten Achsen.
- EI (Extra Insensitive): Breiteres Dämpfungsband für Drucker mit leichten Rahmenschwingungen (z. B. Bettschubser).
- 2HUMP_EI & 3HUMP_EI: Extrem aggressive Filter für schwere Betten oder resonanzanfällige Riemenantriebe. Führt zu sichtbarer Rundung sehr feiner Kanten.
5. Schritt-für-Schritt-Setup in Klipper, RepRapFirmware & Marlin
ADXL345 Messung in Klipper starten
Nachdem der Sensor über SPI oder I2C am Raspberry Pi / Toolhead Board angeschlossen ist, führen Sie folgende Terminalbefehle aus:
ACCELEROMETER_QUERY
TEST_RESONANCES AXIS=X
TEST_RESONANCES AXIS=YKlipper generiert automatisch eine Auswertung und empfiehlt den idealen Shaper (z. B. shaper_type_x = mzv, shaper_freq_x = 54.2 Hz) sowie die maximal empfohlene Beschleunigung max_accel.
6. Beschleunigungswerte (Acceleration & Jerk) im Slicer richtig abstimmen
Ein aktivierter Input Shaper erlaubt es, die Beschleunigungswerte im Slicer (OrcaSlicer, PrusaSlicer, Bambu Studio) drastisch zu steigern:
- Außenwände (Outer Wall Accel): 5.000 – 8.000 mm/s² für makellose Oberflächenoptik.
- Innenwände & Infill: 10.000 – 20.000 mm/s² für minimale Gesamtdruckzeit.
- Jerk / Square Corner Velocity: Bei Klipper auf 5,0 bis 8,0 mm/s einstellen, um abrupte Stopps an Winkeln zu glätten.
- Kombination mit Pressure Advance: Input Shaping beseitigt Wellen, während Pressure Advance für gleichmäßige Eckenradien sorgt.
7. Relevanz für industrielle B2B-Prototypen & Serienfertigung
Für professionelle B2B-Aufträge, die Unternehmen über unseren 3D-Druck Kostenrechner beauftragen, ist die Schwingungskompensation ein entscheidender Wirtschaftsfaktor:
- Bis zu 65 % Zeitersparnis: Bauteile werden mit doppelter bis dreifacher Beschleunigung gefertigt, ohne Ausschuss durch Ghosting.
- ISO-konforme Maßgenauigkeit: Eliminiert Maßabweichungen an Gehäusekanten und Bohrungen für Rapid Prototyping und Kleinserien.
- Gleichmäßige Oberflächengüte: Perfekte matte Texturen auch bei anspruchsvollen Werkstoffen wie Carbonfaser-Verbundstoffen.
In unseren Berliner Produktionsstandorten in Berlin Mitte und Berlin Kreuzberg setzen wir auf vollständig resonanzkompensierte Industrieanlagen für höchste Präzision.
8. Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Muss Input Shaping nach jedem Riemenspannen neu kalibriert werden?
Ja. Die Riemenspannung bestimmt direkt die Resonanzfrequenz der Achsen. Nach dem Nachspannen der Riemen oder dem Wechsel des Druckkopfgewichts sollte stets eine neue ADXL345-Messung durchgeführt werden.
Verursacht Input Shaping weiche oder verwaschene Ecken?
Nur bei zu aggressiven Filtern (wie 2HUMP_EI oder 3HUMP_EI) oder zu hoher Zielbeschleunigung. Bei Verwendung von MZV oder ZVD bleiben Ecken gestochen scharf.
Kann man Input Shaping auch ohne Sensor einrichten?
Ja, über manuelle Kalibriertürme im Slicer. Das Ausmessen mit dem Messschieber liefert gute Näherungswerte, ist jedoch zeitaufwendiger als eine automatische Sensormessung.
